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Making of … Die Gefährtin des Medicus

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Auswahl wissenschaftlicher Literatur zum Thema:
Martin Aurell: La Provence au Moyen Age, Montpellier 2005
Ole J. Benedictow: The Black Death 1346 – 1353: The complete History, Woodbridge 2004
Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod in Europa – die große Pest und das Ende des Mittelalters, München 1994
Peter Biller: Religion and medicine in the Middle Ages, York 2001
Roland Darbois: Quand les Papes régnaient en Avignon, Paris 1981
Carl Ehrig-Eggert, Fuat Sezgin, Eckhard Neubauer: The Reception and Assimilation of Arabic Medicine. The School of Montpellier, Frankfurt 2006
Wolfgang Genschorek: Wegbereiter der Chirurgie, Leipzig 1983
Jacqueline Hamesse (Hrsg.): La vie culturelle, intellectuelle et scientifique à la cour des papes d’Avignon, Paris 2006
Leonide Hilzendeger: Die Schmerzbekämpfung in der Chirurgie des Mittelalters, Erlangen 1950
Kay Peter Jankrift: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003
Kay Peter Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Darmstadt 2005
Michael R. MacVaugh: Medicine before the plague – Practitioners and their patients in the Crown of Aragon, 1285 – 1345, Cambridge 1993
Piers D. Mitchell: Medicine in the Crusades – Warfare, Wounds and the Medieval Surgeon, Cambridge 2004
William Naphy, Andrew Spicer: Der Schwarze Tod – die Pest in Europa, Essen 2003
Norbert Ohler: Sterben und Tod im Mittelalter, Düsseldorf 2003
Marie Christine Pouchelle: The Body and Surgery in the Middle Ages, Cambridge 1990
Yves Renouard: La Papauté à Avignon, Paris 1954
Kathryn Reyerson: Urban and rural communities in medieval France, Boston 1998
Leonard D. Rosenman: The Surgery of Henri de Mondeville, 1+2, London 2003
Arnd Schoenfeldt: Die Entwicklung der Chirurgie im Mittelalter und in der Renaissance betrachtet an drei ausgewählten Operationsmethoden, Göttingen 1995
Louis Stouff: Ravitaillement et alimentation en Provence, Paris 1970
Karl Sudhoff: Ein Beitrag zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter – speziell der anatomischen Graphik nach Handschriften des 9. bis 15. Jahrhunderts, Leipzig 1964
Sabine Tittel: Die „Anathomie“ in der „Grande Chirurgie“ des Gui de Chauliac, Tübingen 2004
Stefan Weiß: Die Versorgung des päpstlichen Hofes in Avignon mit Lebensmitteln (1316 – 1378) -Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines mittelalterlichen Hofes, Berlin 2002

Mit der mittelalterlichen Chirurgie habe ich mich erstmals ausführlich befasst, als ich an meinem Roman ‚Die Chronistin‘ geschrieben habe. Schon damals beeindruckten mich – trotz aller Unzulänglichkeiten und Lücken – der Einfallsreichtum der mittelalterlichen Ärzteschaft, ihre Experimentierfreudigkeit, ihr Wissen und ihr Mut.

Das Thema hat mich nicht wieder losgelassen, und als ich mich entschieden habe, eine Art Fortsetzung zur ‚Tochter des Ketzers‘ zu schreiben, nämlich die Geschichte eines Nachfahren der dortigen Protagonisten Ray und Caterina, war für mich rasch klar, dass ich meiner Faszination für Medizin Rechnung tragen und einen mittelalterlichen Chirurgen zum männlichen Hauptprotagonisten machen wollte.

Die nun noch intensivere Beschäftigung bestätigte ersten Eindruck: manche Methoden mögen martialisch wirken – primitive Schlächter aber waren mittelalterliche Chirurgen keineswegs. Insbesondere das Studium der Schriften von Henri Mondeville – einem Zeitgenossen meines fiktiven Aurel Autard – führte zu vielen Aha!-Momenten.

Was mich besonders beeindruckt hat ist, die antiseptische Wundbehandlung, zu der Henri de Mondeville in der Tradition berühmter Ärzte von Salerno und Bologna rät: zur unbedingten Vermeidung von Eiter also. Was heute nämlich selbstverständlich scheint – eine Wunde sauber zu halten, damit sie sich nicht entzündet – war damals neu und revolutionär. Bedenkt man, dass noch im 19. Jahrhundert Ärzte nach Sektionen mit ungewaschenen Händen in den Kreißsaal gingen und die dort Gebärenden mit dem schrecklichen Kindbettfieber infizierten, erscheint es nicht „mittelalterlich“, sondern vielmehr „modern“, wenn Mondeville insistiert, dass nicht nur Wunden mit Alkohol zu behandeln, sondern die chirurgischen Instrumente mit selbigem zu reinigen sind.

Obwohl ein zentrales Thema war die mittelalterliche Chirurgie nicht das einzige Gebiet, mit dem ich mit intensiv beschäftigte. Recherchen zur Provence und zum Königreich Mallorca im Spätmittelalter standen ebenso auf dem Programm wie zum Papsttum in Avignon. Das bedeutete für mich nicht nur, Bücher zu wälzen, sondern wie schon bei früheren Romanen möglichst viele Originalschauplätze aufzusuchen – was angesichts ihrer Lage am Mittelmeer sicher zum schönsten (und erholsamsten) Teil der Arbeit zählte. Im Folgenden gebe ich Ihnen Einblicke in die zwei Recherchereisen, die ich für diesen Roman unternommen habe – die erste führte in die Provence, die zweite nach Mallorca.

RECHERCHEREISE PROVENCE

Avignon

Ich habe also jenen Boden betreten, auf dem sich meine aktuellen Romanhelden tummeln – und auch wenn besagte Helden fiktiv sind, so werden sie am Originalschauplatz gleich viel lebendiger, ja, der ganze Roman scheint hier regelrecht zu „atmen“.

Will man sich in mittelalterliche Atmosphäre hineindenken, ist im heutigen Frankreich natürlich vor allem viel Fantasie erfordert: Man muss sich entweder etwas dazu denken (z.B. einstige Mauern auf heutigen Ruinen) oder etwas weg denken (z.B. sämtliche moderne Gebäude).

Trotzdem ist diese Form der Recherche enorm hilfreich: In Avignon habe ich z.B. erkannt, dass der Weg vom Papstpalast in die Villeneuve viel weiter ist als angenommen und ich meine Heldin nicht einfach hin- und herschicken kann.

Cassis

Schwindelfrei sollte man schon sein, wenn man die Klippen des Corniche de Crêtes bei Cassis betritt: Vom Strand aus besehen wirken diese sehr malerisch. Von oben aufs Meer blickend, habe ich hingegen weniger an einen Historischen Roman gedacht, als vielmehr an einen Krimi: Da es dort ohne Sicherheitsabsperrung gefühlte hundert Meter in die Tiefe geht, wäre das ein geeigneter Schauplatz für den perfekten – nämlich als Fehltritt getarnten – Mord.

An einer der Calanques, der tief in das Land hineinreichenden Buchten, habe ich später im Kopf eine der ersten Szenen im Fischermilieu durchgespielt – sprich: eigentlich habe ich sie nicht nur im Kopf gehabt, sondern laut vor mich hergemurmelt, was wahrscheinlich einige Touristen ziemlich verwundert haben dürfte 😉

St. Tropez

An der Küste entlang – die schönen Île d’Hyères passierend – ging es heute nach St. Tropez. Im Ort der Schönen und Reichen ist von selbigen zu dieser Jahreszeit nicht viel zu sehen. Ich konnte leider nichts zu deren Dichte beitragen: Was den Reichtum anbelangt, ist der bei Schriftstellern ja meistens eher mau bestellt (Ausnahmen wie Rowling und Brown bestätigen Regeln). Und ich fürchte mit reisetauglichem Rucksack und bequemen Sportschuhen ist auch die Erfüllung der hiesigen Gucci&Prada- Schönheitskriterien illusorisch.

Treu meinem Berufsstand war ich darum weniger von den fetten Yachten im Hafen beeindruckt als vielmehr von der Zitadelle, die das einstige Fischerdorf krönt. Diese stammt zwar aus dem 17. Jahrhundert und hat darum mit meinem Mittelalterroman wenig zu tun, doch innerhalb der alten Mauern ließ sich eine Schlüsselszene meines Buchs gut nachfühlen.

Moustiers-Sainte-Marie

Angesichts der vielen tollen Reiseeindrücke bin ich sparsam, was den Gebrauch von Superlativen anbelangt. Doch den Ort, den ich heute – nach Grimaud, dem Grand Canyon du Verdon und dem Lac de la Sainte-Croix – kennen lernen durfte, gehört mit zum Schönsten und Eindruckvollsten, was ich jemals gesehen habe: Moustiers, dessen größter Blickfang – die Kapelle aus dem 11. Jahrhundert – unmittelbar aus der schroffen Felswand ragt.

Auf Recherchereise geht es mir nicht nur darum, möglichst viel Originalschauplätze zu besuchen. Ich will zudem an Stätten, wo das Mittelalter förmlich pulsiert, dessen Geist spüren und solcherart das Denken und Fühlen dieser Epoche besser nachvollziehen. An einem Ort wie Moustiers erkennt man sehr gut das Bedürfnis des mittelalterlichen Menschen, das Göttliche (dessen Existenz damals wohl niemand in Frage gestellt hat) sichtbar werden zu lassen, den großen Creator, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, also insofern nachzuahmen, als dass man ihm in vermeintlich unwegsamer Gegend ein Zeichen setzt.

Unvorstellbare Mühen muss es gekostet haben, um an dieser Stelle eine Kirche erstehen zu lassen – Mühen, für die die Erbauer wohl nicht zuletzt himmlischen Lohn erwartet haben. Auch wenn man heute den (ohne Steine wohl viel weniger schweißtreibenden) Aufstieg in Angriff nimmt, kriegt man viel zurück: nebst der wunderschönen Aussicht ein überwältigendes Gefühl von Ruhe und Frieden.

Aurel und Sisteron

Aurel heißt der männliche Protagonist meines Romans – darüber hinaus aber auch ein Ort in der Provence, nahe des Mont Ventoux. Obwohl die Lavendelfelder zu dieser Jahreszeit noch nicht in Blüte stehen, ist es eine sehr malerische Kulisse. Als ich durch die engen Gässchen von Aurel marschierte, kam ich spontan auf die Idee, meinen Protagonisten aus diesem Ort, den es schon im Mittelalter gegeben hat, stammen zu lassen. Das würde bedeuten, dass auch sein Bruder Emy gleiche Heimat bekäme – und ja: in ihrer „Sanftheit“ passt sie zu ihm.
Ansonsten standen heute Digne und Sisteron auf dem Programm – letzteres mit seiner atemberaubenden Zitadelle das Tor zwischen der Provence und der Dauphiné. Von jener Zitadelle führen 238 Stufen unterirdisch in den Ort – einen Weg, den man auch als Besucher nehmen kann. Was ich allerdings nicht wusste (und auch nicht entsprechend angekündigt war): Die Verbindungstür war abgesperrt, sodass es nach den 238 Stufen hinunter ebenso viele wieder nach oben ging. (Es erübrigt wohl hinzuzufügen, dass zwar nicht meine Schriftstellerseele, umso mehr aber meine Beine das Ende der Provence-Reise herbeisehnen.)

Les Baux-de-Provence

Wie fühlt es sich an, einen engen, feuchten Gang in die Tiefe zu einem Kerker zu steigen? Wie bewegt man sich auf rutschigen, schiefen und ausgetretenen Stufen? Wie stark weht der Wind auf der Spitze eines Burgturms?

All das sind sinnliche Erfahrungen, die ich heute zur Genüge sammeln konnte – auf jenen Burgruinen, die ein eindrucksvolles Zeugnis der mächtigen Grafen von Les Baux geben. Über Jahrhunderte haben diese hier geherrscht – und nicht zuletzt vom guten Ausblick über die Alpilles bis hin zur Camargue profitiert.

Dieser Ort wird in meinem Roman wohl nicht vorkommen – dennoch war es für künftiges Schreiben sehr anregend, dessen „Genius loci“ nachzuempfinden. Auf diese Weise speichere ich Empfindungen im Gedächtnis, um sie irgendwann einmal in einem Manuskript wieder herauf beschwören zu können.

Montmajour/Aigues-Mortes

Einen würdigen Abschluss fand meine Provence-Reise heute zunächst mit einem Abstecher zur Abtei Montmajour. Seit dem zehnten Jahrhundert waren hier Benediktiner präsent – in den alten Gemäuern ist bis heute noch viel Atmosphäre eines mittelalterlichen Klosters zu spüren.

Danach ging es durch die Camargue (deren Reiz sich mir nicht wirklich erschloss; ich bin als Österreicherin wohl zu sehr „Bergmensch“, um mich von dieser absolut flachen Landschaft begeistern zu lassen) nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer und anschließend – ein absolutes Highlight – nach Aigues-Mortes.

Louis IX. hat hier den ersten Mittelmeerhafen Frankreichs errichtet – doch schon bald nach dessen Gründung ist dieser versandet und konnte nicht mehr genutzt werden. Eine Wanderung auf den mittelalterlichen Stadtmauern mit vielen – kleinen und großen – Türmen war mein letzter großer Fußmarsch ehe die Fahrt zum Flughafen anstand.

RECHERCHEREISE MALLORCA

Sant Elm und Cala Embasset

Etwas anderthalb Stunden würde der Fußmarsch von Sant Elm zum Torre de Cala Embasset dauern. Stand zumindest so im Reiseführer. Und diese Information wäre sicher auch zutreffend gewesen, wenn die Wegbeschilderung keinen Interpretationsspielraum gelassen hätte.

So aber irrte ich über eine Stunde im dichten (und völlig menschenleeren) Wald, ehe ich dann doch ans Ziel gelangte und mit einer grandiosen Aussicht auf die Insel Dragonera belohnt wurde.

Das soll Urlaub sein?, klagten die Füße während des Gewaltmarsches. Wunderbar!, dachte hingegen mein Schriftstellerherz. Als Großstadtmensch bin ich selten derart fernab der Zivilisation – und so nutzte ich die Gelegenheit, meinen Schatz an diversen Sinneseindrücken aufzufüllen: Wie fühlt sich Baumrinde an, wenn man sich mit beiden Händen haltsuchend festklammert? Wie das dornige Gestrüpp, an dem die Kleidung hängen und das bleibt die Beine blutig kratzt? Wie die spitzen Felsen, die sich (der Schuhe ungeachtet) in die Sohlen bohren? Wie die Einsamkeit unter brütender Sonne und in absoluter Stille – nur einmal kurz aufgelockert, als nicht weit von mir eine Ziege mähte?

Das hört sich schweißtreibend, schmerzhaft und auch ein bisschen gefährlich an. War’s wahrscheinlich auch – aber ebenso der gelungene, weil überaus sinnliche Auftakt einer Reise auf den Spuren meiner Protagonistin. Und der mute ich schließlich noch viel mehr zu…

Castell Belver und La Seu

Manchmal muss man nach Besuchen von Originalschauplätzen Szenen eines Romans neu konzipieren – dann nämlich, wenn Vorstellung und Realität deutliche auseinander klaffen. So geschehen in den Avignon-Kapiteln, wo ich die Entfernung zwischen der Villeneuve und dem Papstpalast völlig falsch eingeschätzt hatte.

Ganz anders verhält es sich hingegen mit der Wegstrecke zwischen dem Hafen vom Palma und dem Castell Belver, das über der Hauptstadt – im Mittelalter noch Ciutat genannt – thront. Hier muss ich entsprechende Kapitel so gut wie gar nicht modifizieren – im Gegenteil: Als ich das Gebäude sah, hatte ich das Gefühl, hier schon jede Menge Zeit verbracht zu haben.

Etwas schwieriger war es in der Kathedrale La Seu dem Geist meiner Protagonisten habhaft zu werden – denn zu der Zeit, da mein Roman spielt, war sie von ihrem heutigen Aussehen noch ziemlich weit entfernt.

Castell d'Alaró und Koster Lluc

Heute ging es erstmals tief ins Landesinnere. Etwa eine Stunde dauert der – steil nach oben führende – Fußmarsch zur Festung Alaró. Eine gute Gelegenheit, sich das von rauen Winden der Tramuntana und von Einsamkeit geprägte Leben der einstigen Burgherren vorzustellen. Zu diesen gehörten auch Guillem Cabrit und Guillem Bassa, die die Treue zu ihrem König Jaume II. mit einem sehr grausamen Tod bezahlen mussten: Alfons II. von Aragón, der Ende des 13. Jahrhunderts die Festung nach erbittertem Kampf einnahm, ließ sie nämlich bei lebendigem Leib rösten.

Einsam war wohl auch das Leben der Augustinermönche im Bergkloster Lluc – vor der Säkularisierung eines der religiösen Zentren Mallorcas. Heute pilgern vor allem Touristen zu der „Morenata“ – einer Madonnenfigur mit brauner Haut.

Miramar

Einer der Protagonisten meines Provence-Romans – eine Art Universalgelehrter namens Pio Navale – ist ein großer Fan von Ramon Llull. Deswegen darf auf meiner Reise auch ein Abstecher in das Kloster Miramar nicht fehlen, das dieser „Nationalheilige Mallorcas“ einst gegründet hat.

Wovon mein Pio Navale besonders begeistert ist: Dass Ramon Llull eine gemeinsame Sprache als Voraussetzung jeglicher Missionierungsversuche betrachtete. Die in Miramar ansässigen Franziskaner lernten darum eifrig arabisch. Darüber hinaus arbeitete Ramon Lull an einer Universalsprache – einer Mischung aus Hebräisch, Latein und Arabisch. Ohne Zweifel war er für die damalige Zeit, als man die Heiden lieber mit Feuer und Schwert bekehrte, ein erstaunlich fortschrittlicher Geist – und wurde auch  prompt als Häretiker verurteilt. Doch ähnlich wie im Falle Jeanne d’Arcs revidierte die katholische Kirche später ihr Urteil: Ramon Lull wurde nicht nur vom Verdacht der Ketzerei frei-, sondern darüber hinaus heilig gesprochen.

Nicht nur der Geist dieses großen Theologen und Philosophen inspirierte mich heute. Als ich in meinem Reiseführer Details über Miramar nachlas, ist mich die Geschichte einer berühmten Mallorquinerin förmlich angesprungen. Seit mehreren Stunden lässt sie mich nicht mehr los, sondern liegt mir ständig mit dem Satz im Ohr: ICH wäre doch eine gute Romanfigur!!!

Die Dame muss vorerst Geduld haben – und Sie, fürchte ich, auch. Denn da ich noch nicht weiß, was sich aus dieser Eingebung dereinst entwickeln wird, verschweige ich ihren Namen vorerst.

Cap Formentor

Heute war ich auf der Suche nach einer einsamen Bucht, in der ein heißblütiges Liebespaar ungestört seine amourösen Neigungen ausleben kann: Gemeint sind meine Heldin Alais und ihre mallorquinische Kurzzeitaffäre.

Auf der Halbinsel Formentor kann man da leicht fündig werden – zumal die meisten Strände hier nicht mit dem Auto, sondern nur zu Fuß zu erreichen sind, so z.B. auch die Cala Figuera. Diese könnte durchaus ein passendes Plätzchen für meine beiden Turteltauben gewesen sein – allerdings ist jenes in meinem Roman inklusive Sandstrand beschrieben, also Fehlanzeige. Nun, vielleicht verlangt es  auch die Diskretion, den Ort ihrer Leidenschaften nicht so genau zu benennen 😉

Alcúdia

Meinen heutigen Geburtstag verbrachte ich im Städtchen Alcúdia mit original mittelalterlicher Stadtmauer. Die Bewohner dieses Ortes erlebten des öfteren gleiches Schicksal wie die Protagonistin in meinem Roman: einen Angriff der Sarazenen.

Einst selbst Herren der Insel, plünderten sie nach ihrer Vertreibung durch Jaume I. nicht selten die Küsten – von Granada, Nordafrika oder der kleinen Insel Cabrera aus. Auch die wehrhafte Stadtmauer konnte die Menschen von Alcúdia nicht immer davon feien.

Wie lebt man mit dem Gefühl ständiger Bedrohung?, fragte ich mich heute. Es scheint mir ein unglaublicher Luxus des 21. Jahrhunderts zu sein, dass der Blick aufs Meer vor allem der Suche nach geeigneten Fotomotiven dient und von keinerlei Furcht vor möglichen Gefahrenquellen bestimmt ist.

Muro und Capdepera

Im ethnologischen Museum von Muro, gab es für mich heute  u.a. eine Küche aus dem 17. Jahrhundert zu besichtigen. Ob Lafer, Lichter und Co. mit entsprechend primitiver Ausrüstung kulinarische Gaumenfreude auf Sterneniveau zustandegebracht hätten? In einer ähnliche Küche – so viel anders mag es in der Provence drei Jahrhunderte zuvor nicht gewesen sein – hat auf jeden Fall mein Protagonist Emy seine Lieben bekocht. Gedankt haben die es ihm nicht immer, was freilich nicht am Fehlen des elektrischen Pürierstabs liegen mag, sondern an deren eigenwilligen Charaktere.

Weiter ging es anschließend nach Capdepera, wo eine gut erhaltene Festung zu begehen war. Deren Grundstein legte der hier schon des öfteren erwähnte Jaume I.

Kloster Felanitx und die Calas Figuera/Santanyí

Der Wettergott war mir heute sehr gnädig. Auf dem Weg zum Puig San Salvador, auf dem das gleichnamige Kloster thront, hat es in Strömen geregnet. Kaum oben angelangt öffnete sich die graue Wolkendecke – genau fünfzehn Minuten lang. Dann hüllte dichter Nebel den Berggipfel ein.

Wieder sonnig war es am Meer – sowohl an der Cala Figuera als auch der Cala Santanyí. Phänomenal war nicht nur der dortige Ausblick, sondern auch mein Sturz während einer längeren Küstenwanderung. Ich habe zwar  schon bisher einige Blessuren von diversen Wanderungen abbekommen, doch derart längs hinzufallen gleicht meinen Körper – gemessen an blauen Flecken und Kratzern – nun endgültig dem meiner Protagonistin an (und zwar nach dem Sarazenenüberfall). Ich spiele mit dem Gedanken, sie auch entsprechend über eine Wurzel stolpern zu lassen – damit sich diese Erfahrung wenigstens gelohnt hat. 😉

Cap de Ses Salines

Eine Schlüsselszene meines Romans spielt an der Südspitze Mallorcas. Grund genug, diese am letzten Reisetag mal genauer zu erkunden, oder besser gesagt: hart zu erarbeiten. Etwas mehr als zwei Stunden dauerte der Fußmarsch vom Cap de Ses Salines bis zur Colonia Sant Jordí – und ebenso lange ging es unter brütender Sonne wieder zurück.

Was den Einsatz von Schweiß, Blut und Tränen anbelangt, werde ich mit meiner Protagonistin zwar nicht mithalten können, aber die Kombination aus Hitze und Anstrengung hat mir die Szenerie um einiges näher gebracht.

Schreiben ohne Recherchereisen – das ist, als ob ein Schneider ein Kleid für einen Menschen nähen würde, den er noch nie gesehen hat und von dem er lediglich die groben Maße kennt.