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Making of … Das Geständnis der Amme

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Auswahl wissenschaftlicher Literatur zum Thema:
François-Louis Ganshof : La Flandre sous les premiers comtes, Brüssel 1949
Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter – vom V. bis zum XVI. Jahrhundert, Stuttgart 1889
Reinhold Kaiser: Bischofsherrschaft zwischen Königtum und Fürstenmacht – Studien zur bischöflichen Stadtherrschaft im westfränkisch- französischen Reich im frühen und hohen Mittelalter, Bonn 1979
Silvia Konecny: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert, Wien 1976
Johannes Laudage, Lars Hageneier, Yvonne Leiverkus (Hrsg.): Die Zeit der Karolinger, Darmstadt 2006
Franz Neiske: Europa im frühen Mittelalter 500 – 1050 – eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 2007
Janet L. Nelson: Charles le Chauve, Paris 1994
David Nicholas, Medieval Flanders, London & New York, 1992
Carl von Noorden: Hinkmar, Erzbischof von Reims – ein Beitrag zur Staats- und Kirchengeschichte des westfränkischen Reichesin der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts, Bonn 1863.
Jean Renaud: Les Vikings en France, Rennes 2000
Pierre Riché: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa, München 1991
Pierre Riché: Die Welt der Karolinger, Stuttgart 1999
Rudolf Schieffer: Die Karolinger, Stuttgart 2006
Shulamith Shahar: Kindheit im Mittelalter, Paderborn 2003
Heinrich Sproemberg, Die Entstehung der Grafschaft Flandern, I. Die ursprüngliche Grafschaft Flandern (864-892), Berlin, 1935
Heinrich Sproemberg, „Judith, Königin von England, Gräfin von Flandern“, Revue belge de philologie et d’histoire 15 (1936): 397-428, 915-950.

Auf die ungewöhnliche Geschichte von Judith und Balduin stieß ich das erste Mal während der Recherchen zu meiner ‚Chronistin‘. Damals wälzte ich diverse Mittelalterbücher, darunter auch ein solches, das die damalige Zeit in Form witzigen Anekdoten, skurrilen Alltagsberichten und außergewöhnlichen Liebesgeschichten darstellte.

Unter anderem war darin von einem Paar war die Rede, das als Dienstboten verkleidet und bei Nacht und Nebel aus der befestigten Stadt Senlis floh – der einzige Weg, eine unstandesgemäße Liebe zu leben. Er – war Graf Balduin „der Eisenarm“ von Flandern, ein furchtloser Krieger; sie – Königin Judith von Wessex, zweifache Witwe und Tochter des Karolingerherrschers Karl dem Kahlen. Irgendwo im Hinterstübchen meines historischen Gedächtnis habe ich diese –historisch verbürgte – Story als ‚romanwürdig‘ abgespeichert; vorerst aber verlangten andere ‚Buchkinder‘ geboren zu werden.

Einige Jahre später stolperte ich – wieder durch Zufall – über einen anderen Stoff. Ich las über mittelalterliche Kindererziehung und dass bei dieser, insbesondere in reicheren Kreisen, weniger die leibliche Mutter als vielmehr die Amme eine wesentliche Rolle spielte. Auch davon blieb eine knappe Notiz im Hinterkopf hängen – nämlich die Idee, die Geschichte einer historischen Persönlichkeit aus der Perspektive einer Amme zu erzählen.

Wie es bei Buchideen häufig der Fall ist, machten sich auch diese beiden selbständig, wucherten eine Weile unentdeckt wieder und entschlossen sich schließlich, sich zusammenzutun. Nach und nach wurde der Stoff immer konkreter und lief zunehmend auf eine „Dreierkonstellation“ hinaus: Da ist die fiktive Johanna, die als einzige ihres Dorfes einen Überfall der Normannen überlebt. Da ist ihr Ziehsohn Balduin, den sie für nichts geringeres bestimmt, als die tiefen Wunden ihres Lebens zu kitten – und das in Form des unbarmherzigen Krieger gegen eben jene Normannen. Und da ist Judith, eine ebenso kluge wie zynische Frau, bislang Spielfigur im politischen Ränkespiel ihres Vaters und des Bischof von Reims, doch zunehmend auf der Suche nach Selbstbestimmung.
Ein spannungsreiches Geflecht ist es, in das die drei geraten. Denn als Judith und Balduin sich kennen und lieben lernen droht Johannas bisherige Macht über ihn zu schwinden…

Was die Recherchen zum Karolingerreich anbelangte, konnte ich auf relativ wenig Vorwissen bauen: Ich hatte zwar ganz gute Kenntnisse über die Bedrohung des Frankenreichs durch die Wikinger, teilweise auch über das Alltagsleben, denn beides hatte ich schon während der Arbeit an meinem Merowingerroman ‚Die Regentin‘ ansatzweise erforscht. Doch ansonsten war das 9. Jahrhundert eine weitgehend unbeackerte Fläche. Von Schule und Geschichtsstudium her wusste ich einiges über Karl den Großen, doch was danach folgte empfand ich schon damals als ziemlich kompliziert: nämlich jede Menge Reichsteilungen und jede Menge Könige, die entweder Karl, Ludwig oder Lothar hießen (mit viel Glück ist auch ein Karlmann dabei). In diesen verworrenen Stammbaum ein wenig Licht zu bringen war ein anstrengendes Unterfangen – insofern aber lohnend, da mir auf diese Weise noch mal die Wurzeln des neuzeitlichen Europas klar wurden.

Nicht minder faszinierend auch die Kirchengeschichte der damaligen Epoche: Das Papsttum erstarkte, obwohl die Stadt Rom einen Niedergang erlebte. Das Eherecht entwickelte sich in Richtung jener Form wie wir sie heute kennen und wonach die Ehe mehr und mehr sakramentalen Charakter erhält anstatt nur reines „Geschäftsbündnis“ zu sein. Die Exkommunikation wurde als probates Mittel entdeckt, um die kirchliche Autorität zu untermauern und aufrührerische Herrscher zur Räson zu bringen, womit wiederum die fortan gärende Frage, wer nun die wahre Macht hat – Kirche oder Kaiser – ihren Anfang nahm

So entstand – Mosaikstein um Mosaikstein – das Bild einer Epoche vor meinen Augen, und der Rahmen, in dem meine Protagonisten leben, lieben – und morden können…