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Kiera Brennan

Im Gespräch mit Kiera Brennan

Kiera-Brennan
© Susanne Krauss

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Ich habe schon im Grundschulalter verkündet, irgendwann mal Schriftstellerin zu sein, weil mir immer so viele Geschichten einfielen. Als ich im Alter von neun Jahren die Ruinen von Pompeji besuchte, wusste ich auch, worüber ich schreiben wollte: Über Menschen vergangener Epochen, um diese gleichsam zum Leben zu erwecken. Mit vierzehn Jahren versuchte ich mich dann an meinem ersten „Roman“. Ich habe in den Sommerferien konsequent jeden Tag zwei Seiten geschrieben (mit einer alten mechanischen Schreibmaschine, sodass das ganze Haus wusste, welcher Tätigkeit ich nachging, und meine Großeltern keinen wirklich entspannten Mittagsschlaf halten konnten 🙂 Am Ende des Sommers war das Opus dann fertig – wenn auch nicht publikationsreif.
In den nächsten Jahren, nein, eigentlich Jahrzehnten blieb ich ähnlich diszipliniert (frei nach dem Motto: „Keine Schokolade, ehe das Tagespensum steht), doch ich habe ausschließlich für die Schublade produziert. Bevor diese endgültig überquoll gab es Gott sei Dank den ersten Verlagsvertrag. Seit damals bin ich endgültig bekennende „Schreibaholic“. Meine Arbeit ist nicht das, was ich tue, sondern das, was ich bin.

Was inspiriert Sie/Wie finden Sie Ihre Themen?

Meine Liebe gilt nicht nur Geschichten, sondern auch der Geschichte. Ich bin mit Leib und Seele Historikerin, und Romanschreiben ist letztlich das Vehikel, um in die Vergangenheit eintauchen zu können. Deswegen sind es meist Biographien historischer Persönlichkeiten, alte Ruinen oder interessante Begebenheiten, die mich inspirieren – so auch im Fall meines Irland-Epos.

Was/Welche Szene daraus war bisher am schwierigsten zu schreiben?

Die größte Herausforderung für mich als Autorin sind immer Kuss- und Sexszenen, da diese leicht ins Schwülstige oder Klischeehafte abgleiten. Das ist auch bei diesem Roman ein Drahtseilakt.
Fast das Herz gebrochen hat es mir, als ich beschreiben musste wie einer jungen Mutter (Ceara) ihr Baby weggenommen wird. Da ich selbst Mutter bin und mich noch gut an die Säuglingszeit erinnern kann, war das fast unerträglich. Ich habe mit geschlossenen Augen geschrieben und nach jedem Satz eine Pause gemacht. Aber ich finde, als Schriftstellerin darf ich mich nicht schonen: Da gilt es selbst in den dunkelsten Gefühlssumpf einen Kopfsprung zu machen.

Haben Sie eine Lieblingsszene?

Es ist fast unmöglich, mich auf eine festzulegen, aber es ist wohl die, in der Caitlín den Sklavenjungen Paitín davor bewahrt, dass ihm die Hand abgehackt wird. Ich finde, dass da so viele Emotionen im Spiel sind und eine extreme Spannung in der Luft liegt. Beim Schreiben hatte ich zumindest das Gefühl, dass die Tastatur gleich brennen würde.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Da es so viele Protagonisten sind, darf ich mir doch mehr als eine aussuchen, oder?
Bei den Frauen schwanke ich zwischen Caitlín O’Bjólan und Róisín. Bei Róisín ist es der Freiheitsdrang, den ich gut nachfühlen kann, bei Caitlín ist mir der Pragmatismus sehr nahe.
Bei den Männern sorgt Ascall von Toora bei mir für das größte Kribbeln im Bauch und Pól für die meisten Lacher.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Tess Gerritsen, wenn ich blutrünstige Thrillers lesen will, Liza Marklund, wenn es um psychologische Krimis geht, Isabel Allende, wenn es farbenprächtige Frauensagas sein sollen, Herta Müller, wenn ich die kalte Wirklichkeit in eine poetische Sprache gekleidet sehen will, Rebecca Gablé und Ken Follett, wenn ich in einem 1000-Seiten-Buch versinken will. Und natürlich George Martin, weil ich von ihm das Blutrünstige, Psychologische, Farbenprächtige, Kalte und Poetische in einem bekomme – und die 1000 Seiten sowieso.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?

Als Kind war das Klara aus Johanna Spyris „Heidi“, als Pubertierende habe ich mit Desirée aus Anne Marie Selinkos gleichnamigem Roman gelitten. In postpubertären Zeiten habe ich mit Scarlett O’Hara die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs erlebt. Und Adrian Leverkühn (der Protagonist aus Thomas Manns Doktor Faustus) war auf dem Weg zur „Künstlerin“ mein Alter Ego.Danach wurde ich in literarischer Hinsicht deutlich promisker, weswegen ich mich heute unmöglich auf eine Figur festlegen kann.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich bin ein schrecklich neugieriger Mensch, der Informationen wie ein Schwamm aufsaugt und diese nahezu unauslöschlich auf seiner inneren Festplatte abspeichert. Wenn Sie mir irgendwann an einem weintrunkenen Abend vom skurrilen Sockenmuster Ihres Expartners erzählen, müssen Sie leider davon ausgehen, dass ich das zehn Jahre später immer noch weiß.
So wichtig und inspirierend Kommunikation und Geselligkeit für mich sind, bin ich aber auch bekennende Eremitin, die sich dann und wann strikte Klausur verschreibt und aus dem Alleinsein Kraft und Kreativität zieht.
Naja, ganz so streng ist die Klausur seit der Geburt meiner Tochter natürlich nicht. Seitdem bin ich nicht nur Autorin, sondern auch Mutter mit Leidenschaft – und da ich mich nicht in zwei Hälften teilen kann und man zudem als halbierte Person weder zum einen noch zum anderen taugt, zieht das einen Dauerspagat mit sich. Aber das hält immerhin gelenkig.
Damit auch das Gehirn beweglich bleibt, erfinde ich nahezu ständig Geschichten. Nebst diesen „Reisen im Kopf“ bin ich auch im wirklichen Leben gerne unterwegs. Zum einen pendle ich häufig zwischen Frankfurt (meiner Wahlheimat) und Österreich (meinem Herkunftsland) hin und her, zum anderen liebe ich es, fremde Länder zu erkunden. Mein Lieblingsland? Nun, das gibt es nicht, aber es ist schon von Vorteil, wenn das Meer, schroffe Küsten und geschichtsträchtige Orte in der Nähe sind.

Was sind Ihre Hobbys?

Ich mache Situps in etwa so regelmäßig wie ich Klavier spiele – wenn auch beides ohne Anspruch auf Perfektion. Aus mir wird nie eine begeisterte Sportlerin (ich klettere nur auf Burgruinen, nicht auf Berge), und wenn ich die Nocturnes von Chopin spiele, wird immer ein Fehler dabei sein. Aber beides brauche ich als Ausgleich und Entspannung.

Was bringt Sie zur Weißglut?

Ich kann schon mal die Geduld verlieren, wenn sich das Einsteigen ins Flugzeug um gefühlte Stunden verzögert, weil irgendjemand nicht nur seinen zehntnerschweren Koffer verstauen, sondern seine Jacke fünf mal akkurat zusammenfalten muss. Meine Rachegelüste sind aber harmlos: Ich stelle mir dann einfach vor, wie ich den Schuldigen in meinem nächsten Roman verbrate – natürlich in Form des zähen Fieslings, nicht des saftigen Helden.

Was ist für Sie die größte Versuchung?

Häagen-Dasz Salted Caramel Eis mit Eierlikör, wenn es etwas Ungesundes sein darf. Ein Grüner Smoothie aus Minze, Koriander, Spinat und Ananas, wenn es gesund sein soll.

Was ist für Sie die optimale Entspannung?

Lecker essen und eine meiner Lieblingsserien (The Good Wife, Homeland, The Originals, House of Cards und natürlich Game of Thrones) auf DVD gucken. Oder – sofern ich mich an dem geeigneten Ort aufhalte – eine ausgedehnte Klippenwanderung machen.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein.
Will heißen: Mit Geduld und Ausdauer kommt man irgendwann zum Ziel. Und es gibt – sicher nicht immer, aber doch manchmal – so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, man muss unter Umständen nur sehr lange darauf warten.

Gibt es eine Person, die Sie persönlich fasziniert?

Es gibt da keine bestimmte, aber mich faszinieren grundsätzlich Menschen, deren Biographie nicht aalglatt ist, sondern die es trotz schlechter Voraussetzungen, sogenannter „Brüche“ im Leben oder etwaigem Scheitern schaffen, ihren Weg zu gehen. Die trotz Ambivalenzen und innerer Zerrissenheit mit sich ins Reine kommen und Krisen überwinden lernen. Weit mehr als der triumphierende Sieger faszinieren mich die Verlieren, die wieder aufstehen.

Welche menschliche Leistung des letzten Jahrhunderts bewundern Sie am meisten?

Das sind für mich vor allem die Errungenschaften der Frauenrechtlerinnen. Zu Beginn des letzen Jahrhunderts durften die Vertreterinnen meines Geschlechts nicht wählen, nicht studieren und trugen – quasi körperlich wie geistlich – ein Mieder. Heutzutage ist jedes Mädchen, das geboren wird, eine potenzielle Bundeskanzlerin, Präsidentin, Vorstandvorsitzende, Universitätsprofessorin etc. …

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen

1.
Ich habe zig Stammbäume europäischer Herrscherhäuser im Kopf. Während sich meine Mitschülerinnen seinerzeit für die Mitglieder von Boybands interessierten, lernte ich die Namen der sechzehn Kinder von Kaiserin Maria Theresia auswendig. Ich kenne sie noch heute.

2.
Ich besuche unglaublich gerne alte Friedhöfe. Bis heute rätsle ich, woran die 20jährige Valentine auf dem Friedhof Montparnasse nur drei Monaten nach ihrer Eheschließung gestorben ist (Unfall? Krankheit? Oder wollt etwa ihr Mann die ungeliebte Frau loswerden???)

3.
Meine erste große Liebe war eine Romanfigur – Herzklopfen inklusive. Die Liaison blieb leider etwas unbefriedigend, aber immerhin wurde ich nicht betrogen.

4.
Wenn ich an Originalschauplätzen recherchiere, spiele ich ganze Romanszenen nach (und das nicht unbedingt lautlos). Ich habe schon etliche verwunderte Blicke von Touristen geerntet, die mich wahrscheinlich für geistig verwirrt hielten.

5.
Ich spiele vor dem Schreiben manchmal eine Partie „Spider-Solitaire“ oder „Candy Crush“. Sinnentleertes Tun kann die Produktivität, ja den Wunsch, etwas zu schaffen, ungeheuer steigern.

6.
Und dann wäre da noch … aber nein, Sie wollten ja nur fünf Dinge wissen. Also bleibt das sechste mein großes Geheimnis.