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Making of … Jenseits von Feuerland

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Wissenschaftliche Literatur zum Thema
Maria Bamberg: Zwischen Argentinien und Deutschland – Erinnerungen in zwei Welten, Berlin 2004
Maria Bamberg: Ella und der Gringo mit den großen Füßen – eine deutsche Familiengeschichte in Patagonien, Berlin 2008
Francisco Coloane: Feuerland, Berlin 2006
Charles Darwin: Die Fahrt der Beagle, Hamburg 2006
Oswald Dreyer-Eimbcke: Auf den Spuren der Entdecker am südlichsten Ende der Welt – Meilensteine der Entdeckungs- und Kartographiegeschichte vom 16. bis 20. Jahrhundert (Patagonien, Feuerland, Falklandinseln, Terra Australis, Antarctica, Südpol), Gotha 1996
Ralf Gantzhorn: Patagonien und Feuerland, München 2010

José Greger: Die Schafzucht in Patagonien, Republik Argentinien (Südamerika) für Ansiedler mit 3000 M. bis 100000 M. und darüber, München 1913
Carl-Christoph Liss: Die Besiedlung und Landnutzung Ostpatagoniens unter besonderer Berücksichtigung der Schafestancien, Göttingen 1979


Stefan Nink: Reise durch Patagonien, Würzburg 2010

Christine Papp: Die Tehuelche – Ein ethnologischer Beitrag zu einer jahrhundertelangen Nicht-Begegnung, Wien 2002


Ernst Samhaber: Kleine Geschichte Südamerikas, Frankfurt 1955


Monika Schillat: Feuerland – eine Grenzregion im Spannungsfeld internationaler Interessen 1520 – 1915, Münster 1994

Zwei Eindrücke sind mir von meiner Reise nach Patagonien, dem südlichsten Zipfel Amerikas, besonders in Erinnerung geblieben: Das völlig unberechenbare, weil sich stets verändernde Wetter und der starke Wind. So kann es sein, dass man einen tollen Ausblick auf die Torres del Paine hat, diese jedoch in den Minuten, da man sich nach einer geeigneten Parkmöglichkeit am Straßenrand umsieht und den Fotoapparat zückt, plötzlich von Regenwolken verhangen sind. Oder dass man einen Abhang hinunterläuft, stolpert und dennoch nicht fällt – weil die unsichtbaren Hände des Windes einen schlichtweg auffangen. Nicht minder eindrucksvoll war die unglaubliche, oft menschenleere Weite und das Gefühl von Einsamkeit, das diese vermittelt. Hier wähnt man sich wie an kaum einem anderen Ort am Ende der Welt.

Für die ersten Europäer, die einst auf diese Weite stießen, war diese wenig faszinierend, sondern vielmehr abschreckend. So schreibt z.B. Charles Darwin, der 1832 auf einer Forschungsreise mit dem Schiff Beagle in die Region kam und entlang der patagonischen Küste segelte: „Ein einziger Blick auf eine solche Küste reicht hin, um einen Menschen vom Festland eine Woche lang von Schiffbrüchen, Gefahr und Tod träumen zu lassen.“

Trotzdem zog es im 19. Jahrhundert viele Menschen an die Magellanstraße, die nach ihrem Entdecker Ferdinand Magellan benannt wurde: an jene Meeresenge zwischen dem Feuerland-Archipel, den Magellan nach den seltsam flackernden Feuern benannt hatte, die er dort zu sehen glaubte, und Patagonien, das seinen Namen wahrscheinlich vom spanischen Begriff „pata grandes“ erhalten hat – hatten die Ureinwohner in den Augen der Europäer doch ungewöhnlich große Füße. In diese windige, oft unwirtliche und faszinierende Landschaft, deren Schönheit sich nicht auf den ersten Blick erschließt, die jedoch nachhaltig beeindruckt, wenn man sich erst einmal darauf einlässt, verschlägt es auch die Protagonistinnen meines Romans Emilia und Rita.

Sie leben zunächst in einer der größten Städte der Region – Punta Arenas, ein Name, der auf den Begriff „Sandy Port“, wie er in alten englischen Seekarten verzeichnet wurde, zurückgeht und so viel bedeutet wie „sandige Spitze“. War Punta Arenas zunächst nur Militärposten und Strafkolonie, stellte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lage an der Magellanstraße als äußerst günstiger Standort für einen Transithafen heraus: Bis zur Eröffnung des Panamakanals im Jahre 1914 fuhren hier sämtliche Schiffe vorbei, die die Westseite Amerikas zum Ziel hatten. Viele europäische Auswanderer, die eigentlich nach Kalifornien reisen wollten, blieben – nachdem ihnen das Geld ausgegangen war – hier „hängen“, so dass die Bevölkerung bis heute eine Mischung aus Menschen mit unterschiedlichsten historischen Wurzeln ist: Schweizer, Russen, Italiener und Deutsche.

Gerade in den ersten Jahren war es schwer, sich das Überleben zu sichern: Zum Ackerbau taugte die Gegend wenig – bestenfalls zum Anbau von Kartoffeln. Die meisten Menschen verdingten sich als Robben- und Walfänger, Holzfäller oder Händler; angesichts des regen Kommen und Gehens im Hafen brachte es auch mancher Gasthof-, Herbergs- und Bordellbesitzer zu Geld (manch ein Zeitzeuge fühlte sich beim Anblick dier vielen Etablissements, die rasch erbaut und nicht selten aus windschiefen Wänden bestanden, an den Wilden Westen erinnert). Doch wirklichen Reichtum schenkte auf lange Sicht nur eins: das Weiße Gold, nämlich dieZucht und der Handel mit Schafen.

Der Hauptwirtschaftszweig der Stadt bildete sich seit 1876 heraus, als man mit der ersten größeren Schafzucht begann. Die Grassteppen rund um Punta Arenas waren sehr gut geeignet, um dies in großem Stil zu betreiben, sodass bald die gesamte Region von Schafen und deren Wolle lebte und prosperierte, tiefgefrorene Hammel und Fässer mit Fett sogar bis nach England geschickt wurden. Neben kleinen Estancien gab es riesige Unternehmen, die sich nicht selten in britischer Hand befanden wie die Schafzucht auf den nahen Falklandinseln. Und schließlich waren da Familienbetriebe wie die der Braun-Menéndez, die mit dem Reichtum aus der Schafszucht ein richtiges Imperium errichteten: Durch die Heirat von Sara Braun und José Menéndez, die 1886 geschlossen wurde, wurden ihre Besitztümer verflochten und gemehrt. Sie reichten von Estancias, Walfangflotten und Schlachthöfen über Bergwerke und Reedereien bis zu Importgesellschaften, Banken und der südlichsten Eisenbahn des Kontinents. Die Ländereien des Familienclans umfassten drei Millionen Hektar. Damit war das Gebiet von den Ausmaßen Belgiens der größte zusammenhängende Grundbesitz, den es jemals in Chile gab. Nicht zuletzt war es ihr Einfluss, der dazu führte, dass der Lebensstil im ursprünglich sehr ärmlichen Punta Arenas aristokratische Züge annahm. In der ehemaligen Strafkolonie veranstaltete man nun Banketts und Autorennen, Zirkusspiele und Geburtstagsfeiern zu Ehren des englischen Königshauses. Was in der Einöde fehlte, wurde einach importiert: Man ließ Zuchthengste aus Neuseeland und Schäfer von den Hebriden kommen. Aus Italien wurden Marmor, aus England Möbel und aus Frankreich Stoffe importiert. Die Familie Braun-Menéndez schaffte es sogar, die russische Primaballerina Anna Pawlowa zu einem Auftritt an die Magellanstraße zu locken. 1914 endete allerdings der Trubel: In diesem Jahr wurde der Panamakanal eröffnet, und die Hafenstadt geriet ins Abseits.
Was überdies nicht vergessen werden darf: Der Reichtum der Schafzüchter wurde auf Kosten anderer erworben, denn die „Erfolgsgeschichte“ von Punta Arenas ging mit einem grausamen Genozid einher. So wurden die Ureinwohner Patagoniens – Völker der Haush, Ona, Yaghan oder Tehuelche, systematisch von den Schafzüchtern ermordet, da sie ab und an Jagd auf die „weissen Guanakos“ machten. Die Rechtfertigung für diesen Völkermord lieferte kein Geringerer als Charles Darwin, und die Ur-Feuerländer als „leibhaftige Affenmenschen“ abkanzelte. Bis heute erinnert eine bronzene Statue auf dem Friedhof von Punta Arenas an dieses schreckliche Unrecht: Sie zeigt „El Indio Desconocido“ („Den unbekannten Indianer“), der im Volksmund Indiecito genannt und bis heute als wundertätig verehrt wird.