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Making of … Im Land der Feuerblume

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Wissenschaftliche Literatur zum Thema:


Jean-Pierre Blancpain: Les Allemands en Chili. Köln, Wien 1974
Günter Böhm (Hg): Briefe und Berichte von Karl von Numers, Karl Anwandter, Louis und Pauline Metzdorff, August Schultz, John Fehland. Hrsg. von Professor Günter Böhm Universidad de Chile. Santiago de Chile
Christel Converse: Die Deutschen in Chile, in: Hartmut Fröschle (Hg.): Die Deutschen in Lateinamerika. Schicksal und Leistung. Tübingen 1979
Winfried Golte: Das südchilenische Seengebiet – Besiedlung und wirtschaftliche Erschließung seit dem 18. Jahrhundert. Bonn 1973
Emil Held, Helmut Schuenemann, Claus von Plate (Hg.): 100 Jahre deutsche Siedlung in der Provinz Llanquihue: 1852 – 1952, Festschrift
Karl Ilg: Pioniere in Argentinien, Chile, Paraguay und Venezuela. Innsbruck 1976
Karl Ilg: Das Deutschtum in Chile und Argentinien. Wien 1982
Alexandra Lübcke: „Welch ein Unterschied aber zwischen Europa und hier …“ – Diskurstheoretische Überlegungen zu Nation, Auswanderung und kultureller Geschlechteridentität anhand von Briefen deutscher Chileauswanderinnen des 19. Jahrhunderts. Frankfurt 2003
Gerardo Jorge Ojeda-Ebert: Deutsche Einwanderung und Herausbildung der chilenischen Nation (1846-1920). München 1984
Kurt Schobert: Soziale und kulturelle Integration am Beispiel der deutschen Einwanderung und Deutsch-Chilenen in Süd-Chile, Bd.I. München 1982
Georg Schwarzenberg-Herbeck: Geschichtliche Monatsblätter, Quellensammlung und Beiträge zur Geschichte der deutschen Einwanderung nach Chile, aus dem Nachlaß von Georg Schwarzenberg, Heft XIII: „Karl Anwandters Reisetagebuch“, Santiago de Chile
Peter Waldmann: Kulturkonflikt und Anpassungszwang. Ausgangslage und Entwicklung der deutschen Einwanderungskolonien in Südchile, in: Justin Stagl (Hg.): Aspekte der Kultursoziologie. Berlin 1982
Marta Werner: Dichtung und Wahrheit aus der Einwanderungszeit, Santiago de Chile 1974

Die europäische Auswanderung im 19.Jahrhundert stellt möglicherweise die größte Umsiedlungsbewegung in der Geschichte der Menschheit dar. Groben Schätzungen zufolge verließen damals über 50 Millionen Menschen Europa, um in der „Neuen Welt“ ihr Glück zu suchen; ca. fünf Millionen von ihnen stammten aus dem Gebiet des deutschen Reiches. Eine Minderheit, nämlich etwa 20.000, zog es in eines der südlichsten Länder der Welt: Sie reisten zwischen 1846 und 1914 nach Chile. In meinem Roman „Im Land der Feuerblumen“ wollte ich ihr Leben und die Herausforderungen, die sie in der Fremde zu meistern hatten, möglichst authentisch und nah an Originalquellen und Lebenszeugnissen beschreiben.

Ohne Zweifel bedeutete die Auswanderung einen großen Schritte, wie einer dieser Deutschen später beschrieb:

„Was heißt auswandern? Auswandern heißt, nicht bloß den Ort, in welchem man bisher gelebt, mit einem anderen vertauschen; sondern das Land, in dem man geboren und erzogen worden ist, in dem man seine Jugend verlebt, dessen Zustände und Einrichtungen uns bekannt, dessen Sitten in uns Fleisch und Blut geworden sind, verlassen und in ein Land gehen, dessen Klima meist kälter oder wärmer als das des Geburtslandes ist, dessen Bewohner uns fremd, dessen Einrichtungen uns unbekannt sind, dessen Sprache wir nicht verstehen. Es heißt das bisher Erworbene, das Sichere aufgeben, um das Leben von Neuem zu beginnen.“

Dass die chilenische Regierung systematisch erfahrene Bauern und Handwerker aus Deutschland als Einwanderer anwerben ließ, hatte eine guten Grund: Sie sollten das bis dahin weitgehend menschenleere südchilenische Seengebiet bevölkern und quasi einen Puffer zum „Mapuche-Land“ schaffen. Den Siedlern oder „Kolonisten“, wie sie sich selbst nannten, wurde umgekehrt eine große Chance geboten: eigenes Land zu bekommen, und das in einem Breitengrad, wo das Klima warm und der Boden fruchtbar war. Entsprechend begeistert klingt der Brief eines Kolonisators:

„Das Leben in diesem Land ist durch nichts zu vergleichen. Nur vier Monate herrscht Winter, der Sommer ist mild. Gras in Hülle und Fülle, schönes Holz und Brennmaterial.“

Doch so einfach es auf den ersten Blick auch erscheinen vermag – dieses eigene Land zu besiedeln war mit großen Mühen verbunden. Das Hauptproblem für die Siedler – oder vielmehr Pioniere, drangen sie doch in unbesiedeltes, unerforschtes Gebiet vor -, war die fehlende Infrastruktur in den entlegenen und weitflächig vom Valdivianischen Regenwald bedeckten Gebieten. Die eigentlich zugesagte Unterstützung der chilenischen Regierung blieb zunächst an vielen Orten aus. Illusionsloser fallen darum die Beschreibungen der Auswanderer aus, sobald die erste Begeisterung vorbei war:

„Auf dem Papier ist leicht rechnen, sparen und erwerben, aber das Kolonisieren selbst fordert Opfer.“
„Man darf nicht hierherkommen, um nur zu essen und zu trinken. Die Anfangsjahre sind sehr schwer.“

Seit ich bei einer längeren Chile-Reise zum ersten Mal von den deutschen Auswanderern gehört habe, haben mich jene am meisten fasziniert, die rund um den Llanquihue-See quasi ein „Klein-Deutschland“ schufen. Anders als in bereits besiedelten Städten wie z.B. Valdivia galt es hier tatsächlich aus dem Nichts eine Welt zu errichten. Davon künden viele Tagesbucheinträge, Lebensberichte oder Briefe, an denen ich mich bei der Schilderung des Alltags und dessen Tücken sehr stark orientiert habe. So erzählt ein Auswanderer von dem Weg zum See:

„Nach vierstündiger Entfernung von Osorno verließen wir das kultivierte Terrain und drangen in den Urwald ein. In der ersten Zeit passierten wir noch einige Viehhirtenwohnungen, dann konnten wir aber nur noch Vieh- und Indianerpfade benutzen, die sich an Abhängen, durch Sümpfe und Täler schlängelten und uns am Ende des zweiten Tages an den Rand des prachtvollen Sees, von der Größe des Bodensees, brachten. Bei einem mächtigen Feuer schlugen wir unser Nachtlager auf.“

Am See selbst überlebten viele Siedler zunächst nur dank ihrer Nachbarn:

„Wir standen ohne ein Dach über dem Haupt und entblößt von allen Mitteln für unser ferneres Fortkommen da. Mein Vater schickte mich zum deutschen Nachbar – auf dass wir ein paar Decken und Lebensmittel bekämen. Nur mit leinerner Hose und Hemd bekleidet, in Strümpfen, selbstgemachten Pantinen mit Filzsohlen.“

Die ersten Unterkünfte waren mehr als notdürftig:

„Wir waren mit einer Lansche von Valdivia gekommen. Einige Kisten und 90 Stück Bretter waren darauf. Erste Aufgabe bei Ankunft war, das Kochgeschirr, Fleisch, Schmalz, Brot und dergleichen auf unseren Wohnplatz zu tragen. Die Küche war unter einem großen Apfelbaum. Darum herum wurden Kisten aufgestellt und Bretter darüber gelegt. Später bauten wir aus Brettern eine Hütte, in der Mitte stand ein Tisch, der aus mitgebrachten Kisten gehämmert worden war. Wenn man sich Essen nahm konnte man sich hinterher seinen Platz suchen wie auf einem Schiff.“

Ein anderer Siedler berichtet :

„Unsere erste Wohnung war eine mit Schindeln gedeckte Laubhütte im Urwalde, dessen Äste und Kronen uns Kindern in die Wolken zu reichen schienen. Sie boten kaum Schutz gegen den Regen, geschweige gegen den Wind. Vor allem die Nordstürme waren sehr gefährlich. Wir haben zu Gott gebetet, aus Angst, von einem stürzenden Ast erschlagen zu werden. Eines Morgens klappte das ganze Gebäude zusammen. Ein Säugling wurde darin gefunden, aber zum Glück blieb er unverletzt. Anderswo schlug ein niederfallender Baumriese die Hütte nieder.“

Die nächste große Herausforderung war es, den Urwald zu schlagen:

„Mit Mühe erkletterte mein Vater das gebüschbewachsene Ufer und erblickte Urwald, in dem noch nie eine Axt geklungen war, den noch kein Menschenfuß durchwandert hatte. Die nächsten Tage vergingen damit, das Hausgerät in den Wald zu schaffen. Dann begann die schwere Arbeit, die Waldbäume, die regelrechte Riesen waren, mit der Axt niederzulegen. Monatelang hindurch erklang der Schall der Axt ununterbrochen durch den Wald und donnerähnliches Krachen zeigte den Fall an.“

Doch diese Herausforderungen wurden nach und nach bewältigt. Den Siedlern gelang es, das Land urbar zu machen und Getreide anzubauen. Bald entstanden auch florierende Viehwirtschaften und diverse Wirtschaftsunternehmen: Gerbereien, Textilfabriken, Tischlereien, große Handelshäuser, Fleischereien u.v.a.m.

Spuren von den deutschen Siedlern sind – gerade um den Llanquihue-See – bis heute zu finden: von der typisch deutschen Bauweise der Häuser (nämlich mit Giebeldach anstelle des chilenischen Flachdachs), der vielen Vereine, die die deutsche Sprache am Leben zu erhalten versuchen, bishin zur Schwarzwälderkirschtorte, die in vielen Restaurants angeboten wird. Dass sich die deutsche Kultur hier sehr lange erhalten hat, liegt nicht zuletzt am Spezifikum des Einwanderungslandes Chiles: Während anderswo – z.B. in Nordamerika – ein ungleich schnellerer Assimilierungsprozess einsetzte, lebten die deutschen Siedler inmitten des Urwalds fernab der übrigen Zivilisation in einer eigenen Kolonie, das sich chilenischen Einflüssen erst nach und nach öffnete. Teilweise wurde dort ein sehr extremer Nationalismus gepflegt, wie ihn Worte einer Auswanderin spiegeln:
„Es kann kein Land der Erde so für den Deutschen zum Umbau geeignet sein, als das um den See Llanquihue! Die Deutschen können hier ganz unter sich leben und nicht unter den Spaniern aufgehen, vielmehr ihre Nationalität erhalten können.“

Von diesem Nationalstolz war es nur ein kleiner Schritt zur Glorifizierung der deutschen Siedler in der Zeit des Nationalsozialismus, da deren Errungenschaften zum Werk des deutschen Übermenschen, der selbst im Nichts eine Zivilisation schafft, hochstilisiert wurden. Solche einseitige Verherrlichung ist ebenso undifferenziert wie realitätsfern und ignoriert überdies die traurige Tatsache, dass die Besiedlung mancher Gebiete auf Kosten der Ureinwohner Chiles vonstatten ging. Ungeachtet dessen ist es dennoch legitim, diesen deutschen Einwanderern Respekt zu zollen: für die Energie und Schaffenskraft, die sie in den Anfangsjahren an den Tag legten ebenso wie für den oft sehr positiven Einfluss, den einige ihrer Abkömmlinge auf die chilenische Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nahmen. Ihre spannende Geschichte möglichst authentisch zu erzählen war mein Ziel.