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Das Kalifat von Córdoba

Das Kalifat von Córdoba

Für Deutschlands erste Dichterin, Roswitha von Gandersheim, war die Stadt „die berühmte Zierde des Erdkreises“ – und damit gemeint war nicht etwa die Ewige Stadt Rom, sondern das Zentrum des Kalifats von Córdoba, das sich im 10. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Andalusiens – „Al-Andalus“ – erstreckte. In der Blütezeit des islamischen (oder maurischen) Spaniens war Córdoba, das über hunderttausend Einwohner zählte und eine moderne Infrastruktur aufwies, nicht nur in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht sämtlichen Städten Europas weit überlegen. Es war auch in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht ein Anziehungspunkt – nicht nur für muslimische und jüdische Gelehrte, auch für christliche, die viele dortige Errungenschaften im Bereich der Natur- und Geisteswissenschaften in das Abendland trugen.

Erobert wurde Córdoba im Oktober 711 durch ein muslimisches Reiterheer. Die kulturelle Blüte setzte aber erst viel später ein und ist untrennbar mit dem Namen Abd ar-Rahmans III. verbunden, der 912 den Thron bestieg und sich nicht mit dem Titel des Emirs begnügte, sondern das Kalifat ausrief. Seine Macht und sein Ruhm gründeten zweifellos auch auf militärische Erfolge – aber eben nicht nur. Ihm ging es ebenso um den kulturellen Glanz.
Seine Bibliothek dürfte die größte im damaligen Europa gewesen sein – überhaupt galt Córdoba als Hauptstadt der Bücher. Eine umfangreiche Bibliothek zu besitzen gehörte zum Prestige jedes erfolgreichen Mannes – manche nutzten ganze Gebäude für eine solche. Ein ganzes Stadtviertel wiederum diente keinem anderen Zweck als der Vervielfältigung von Büchern, zu der nicht nur viele Kopistinnen – gerade unter den Schreibkünstlern befanden sich viele Frauen – beitrugen, auch die Nutzung von Papier. Dieses war zwar eine chinesische Erfindung sein, hätte ohne arabische Vermittlung aber viel später Eingang in den europäischen Kulturkreis gefunden.

Córdoba war zugleich eine multikulturelle Stadt. Schon der oberste Anführer der Invasoren – Abd al-Aziz, der die christliche Witwe des Statthalters heiratete – versprach während der Kapitulationsvereinbarungen, dass die Bevölkerung von Córdoba weder versklavt noch getötet werden durfte. „Ihre Kirchen werden nicht in Flammen aufgehen, und sie werden nicht ihrer Besitztümer beraubt. Man wird sie nicht zwingen, ihrer Religion zu entsagen.“ Im mittelalterlichen Córdoba gab es gleich mehrere Kirchen, in denen Christen ungestört Gottesdienst feiern durften, wenngleich diese keine Glocken haben und die Christen nicht öffentlich beten durften.
Diese religiöse Toleranz kam auch den Juden zugute, die viele wichtigen Ämter innehatten und deren Chronisten betonten, dass Juden an keinem anderen Ort über so viele Generationen hinweg weitgehend ohne Verfolgung leben konnten.

Selbstverständlich hatte die religiöse Toleranz ihre Grenzen, und Córdoba war alles andere als Paradies: Nahezu unentwegt lag es im Krieg mit den christlichen Nachbarreichen.
Gleichwohl gab es auch friedliche Kalifen wie al-Hakam, der in einem Brief erklärte: „Führe keine unnötigen Kriege. Sichere den Frieden, damit es dir und deinem Volke wohl ergehe. Erhebe das Schwert nur gegen die, die Unrecht begehen. Welche Freude liegt darin, ein Land zu überfallen und zu zerstören, Raub und Zerstörung bis ans Ende der Welt zu tragen? Lass dich nicht von der Eitelkeit blenden. Deine Rechtsprechung möge so friedlich sein wie ein ruhiger See.“
Er gründete 25 öffentliche Schulen und ließ Bedürftigen kostenlose Medizin aushändigen.

Eine Zäsur in Córdobas Geschichte stellt das Jahr 1013 dar, als es aufgrund interner Machtkämpfe, dem Angriff eines Berberheers und Umweltkatastrophen wie Hochwasser und Seuchen am Rand des Untergangs stand.

Nie wieder fand die Stadt zur einstigen Größe zurück, das Kalifat zerfiel in taifas, kleineren Reichen im maurischen Spanien, wie z.B. Gránada, wo allerdings Kultur und Wissenschaft weiterlebten, es zu mancher neuer Blütezeit brachten. Auch Córdoba blieb keine zivilisatorische Wüste – die Philosophen Ibn Rushd (Averroës), ein Muslim, und Mosche ben Maimon (Maimonides), ein Jude, sind zweifellos die berühmtesten Söhne der Stadt, haben aber erst lange nach den unheilvollen Ereignissen gelebt.