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Interview

Interview mit dem Penguin-Verlag über die Entstehung von „Grimaldi – Der Fluch des Felsens“

Wie kamen Sie darauf, die Geschichte des Aufstiegs der Grimaldi zu erzählen?

Die Idee trage ich schon seit vielen Jahren, ja fast schon seit Jahrzehnten mit mir herum: Anfang 20 habe ich einen dreiwöchigen Sprachkurs in Nizza absolviert, und während am Vormittag Französischpauken angesagt war, unternahm ich am Nachmittag Ausflüge in die Umgebung.
Hier zeigte mir die Côte d’Azur nicht nur das grell geschminkte Gesicht des Jetsets, wo einzig Luxusjacht, Klunker und Blitzlicht zählen, sondern ein viel sympathischeres: Als Fan von „alten Steinen“, d.h. Ruinen, die von längst vergangen Zeiten und ihren Kämpfen künden, kam ich voll auf meine Kosten.
Insbesondere Monaco sah ich durch die Brille der Historikerin, also nicht als den bei der Yellow-Press beliebten Operetten-Staat oder die bei den Superreichen beliebte Steueroase, sondern als einen schroffen, rauen, eigentlich unbewohnbaren Felsen, der im Mittelalter für eine aus Genua verbannte Familie zur neuen Heimat und Zukunftshoffnung wurde: den Grimaldi. Diese Geschichte, so habe ich mir schon damals vorgenommen, würde ich irgendwann schreiben.

In Monaco - einst und jetzt

Sie erwecken ja eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten zu Leben. Welcher Grimaldi ist Ihnen beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen?

Eine der größten Herausforderungen war es, aus historischen Persönlichkeiten, von denen nichts weiter als Geburts- und Sterbedaten, Familienverhältnisse und ihre Involvierung in diverse politische Ereignisse bekannt ist (häufig nicht einmal das), Menschen aus Fleisch und Blut zu machen. Die zeitgenössische Chronisten waren nämlich nicht an Zwischenmenschlichem interessiert, schenkten dem Charakter eines Menschen, seinen Wünschen, Sehnsüchten, Träumen also wenig bis gar keine Aufmerksamkeit. Diesbezüglich habe ich sehr viel erfunden, auch auf die Gefahr hin, einer historischen Figur Unrecht zu tun, weil sie womöglich sympathischer oder unleidlicher war als ich sie schildere.
Mir persönlich am nächsten standen weniger die Grimaldi, die um die Macht in Genua kämpften, als Piraten die Meere unsicher machten oder Monaco eroberten, folglich auf Waffengewalt (und manchmal List) setzten, sondern eher Männer wie Rabella Grimaldi, den ich als Juristen und Gelehrten beschreibe und der nicht von Landbesitz und Geld, sondern von einer überreich gefüllten Bibliothek träumt.

Mit Francesco "Malizia" Grimaldi

Was kann die Leserin von heute von der Geschichte der Grimaldi lernen?  Haben Sie aus der dramatischen Geschichte der Grimaldi auch etwas für ihr eigenes Leben mitgenommen? 

Das zentrale Thema meiner Geschichte ist jener Fluch, der – entsprechend einer alten Legende – seit Mittelalter auf der Familie lasten soll und auch heutzutage noch Erwähnung findet, wenn wieder mal ein Unglück über die Grimaldi hereinbricht. Doch obwohl ich die Hintergründe dieser Legende beleuchten wollte, lautet meine klare Botschaft, dass es am Ende nicht dieser Fluch bzw. eine feindlich gesinnte Schicksalsmacht war, die den Grimaldi oft das Leben schwer machte. Es waren vielmehr Fehlentscheidungen, Familienstreitereien oder die Unfähigkeit zu verzeihen, die schon im Mittelalter manche existenzbedrohende Krise auslösten. Der Appell, der sich daraus ergibt – nicht mit dem „bösen Schicksal“ zu hadern, sondern Verantwortung für das Leben, das Lieben und manchmal auch das Scheitern zu übernehmen – gilt natürlich auch für alle „normal Sterblichen“.

Recherche an der Côte d'Azur

Es war bestimmt aufwendig, die große Fülle von historischen Fakten zu diesem Roman zu recherchieren. Welche Fakten oder Erkenntnisse haben Sie dabei am meisten überrascht?

„Als Historikerin lag der Reiz vor allem darin, aus Monaco ein Kaleidoskop europäischer Geschichte zu machen. Obwohl die Grimaldi im Jahr 1297 nach ihrer Verbannung aus Genua nur den winzigen Felsen namens Monaco eroberten, hatten sie doch bei vielen großen Konflikten ihrer Zeit die Hände im Spiel: Raniero Grimaldi gewann für die Franzosen die Schlacht von Zieriksee, die über die Zukunft des damals noch jungen Holland entschied. Sein Sohn Carlo hat wichtige Schlachten im 100järhigen Krieg, der zwischen Frankreich und England tobte, ausgefochten. Spannend fand ich überdies, dass man die Geschichte der Grimaldi im Mittelalter nicht erzählen kann, ohne auch Simone Boccanegra vorzustellen – den aus Verdis gleichnamiger Oper bekannten ersten Dogen Genuas. Er war mit den Grimaldi von Monaco verfeindet, musste ihretwegen die Genueser Flotte aufrüsten lassen und machte dadurch horrende Schulden, die langfristig zur Gründung von San Giorgio führten – einem der ersten Bankhäuser der Geschichte. Es erscheint mir als Ironie der Geschichte, dass die Anfänge des modernen Kapitalismus so eng mit dem Namen Grimaldi verknüpft sind.“

Auf den Spuren der Vergangenheit

Haben Sie einen Lieblingsort in Monaco?

Wenn ich ehrlich bin, hat Monaco – vielleicht abgesehen von der Altstadt – den Charme einer Plattenbausiedlung. Am schönsten finde ich den „Felsen“, wenn man ihn von La Turbie – einem Ort im Hinterland – betrachtet, denn dann wirken auch die Hochhäuser winzig klein und man kann sich einreden, dass die Luxusjachten und Kreuzfahrtschiffe, die vor dem Hafen kreisen, in Wahrheit mittelalterliche Galeeren sind 🙂

Der "Felsen" von oben

Wie sehen Sie die Grimaldi heute, nach allem, was Sie über deren Geschichte in Erfahrung gebracht haben?

Die Frage, was Fürstin Charlène beim Rosenball getragen hat, oder wieviel Wörter nebst eisigen Blicken Caroline und Stephanie beim Nationalfeiertag ausgetauscht haben, gehört weiterhin nicht zu den existenziell bedeutsamen für mich. Trotzdem schmökere ich BUNTe & Co. jetzt mit etwas anderen Augen. Nachdem ich so viel Zeit mit ihren Vorfahren verbracht habe, fühlte ich mich ein wenig wie wie die Ur-Ur-Ur-Großmutter von Jacques und Gabriella. Zugleich fallen mir Details auf, die für die üblichen klatschaffinen Leser wendig relevant sind. Hinsichtlich der Ehe Caroline und Ernst August, finde ich es z.B. weniger faszinierend, ob auf ihren Beziehungsstatus nur „kompliziert“ oder „nicht-existent“ zutrifft, sondern dass er aus dem Haus der Welfen stammt, mit dem schon die Genueser Grimaldi im Mittelalter – allesamt bekennende „Guelfen“ – sympathisiert haben.