Während des 2. Weltkriegs wurden in den sogenannten Ostgebieten zahlreiche Kinder ihren Eltern entrissen und von deutschen Familien zwangsadoptiert wurden, um als „arische“ Kinder aufzuwachsen. Heinrich Himmler war nämlich überzeugt, dass auch minderwertige Rassen wie die Slawen dann und wann „kostbares Blut“ hervorbrächten – ersichtlich dieses an den blonden Haaren und blauen Augen -, und man dieses unbedingt in deutsche Obhut bringen müsse. Allein in Polen erlitten etwa 25.000 Kinder dieses Schicksal, das Assoziationen zu einem sehr aktuellen Kriegsverbrechen auslöst: Der systematischen Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland, wie es seit Beginn des Angriffskriegs in tausenden von Fällen geschah und immer noch geschieht.
Als ich mich aufgrund der aktuellen Ereignisse näher mit der Thematik beschäftigte, war mir rasch klar, dass ich einen Roman darüber schreiben möchte, der auf zwei Zeitebenen das Schicksal eines solchen polnischen und ukrainischen Kindes verknüpft. Wichtig war mir allerdings, dass der Fokus nicht nur auf den schrecklichen Deportationen und den erlittenen Traumata gerichtet ist – vielmehr auf den behutsamen Prozess danach, der Heilung und Neuanfang ermöglicht. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, die Geschichte aus der Perspektive zweier Kinderpsychologinnen zu erzählen.
Zugegeben: In den 40er-Jahren steckte die moderne Kinderpsychologie noch in den Kinderschuhen. Viele ihrer Vertreter waren noch der irrigen Annahme, dass Kinderseelen so robust wären, dass man ihnen im Grunde alles zumuten könne. Doch für einen Bewusstseinswandel sorgte Anna Freud – Tochter des berühmten Sigmund Freuds, aber auch selbst eine erfahrene Psychoanalytikerin: Sie gilt als Erfinderin der Traumatherapie für Kinder, die insbesondere auf die weitreichenden Folgen des Kriegsgeschehens und der Trennung des Kindes von seinen Eltern verwies.
Ihr Gedankengut wurde vor allem durch jene ihrer Mitarbeiterinnen verbreitet, die sich nach Kriegsende in den Dienst der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) stellten – jener Organisation, die sich der entwurzelten Menschen und insbesondere der Kinder annahm. Für Letztere wurden „Children’s Center“ geschaffen, wo die Kinder aufgepäppelt, behutsam zurück ins Leben geführt und somit die Voraussetzungen geschaffen wurden, Familien wieder zusammenzuführen und entwurzelte Menschen zu repatriieren.
Viele dieser Children’s Center befanden sich im Süddeutschen Raum – und ich habe einige von ihnen besucht und nach ihrem Vorbild einen Ort wie Sankt Severin, meinem fiktiven Children’s Center am Chiemsee, wo meine Protagonistin Lori wirkt, zu schaffen.
Das Wissen, das damals erworben wurde, ist auch heute, da wieder ein Krieg in Europa herrscht, ungemein wertvoll. Obwohl die psychologische Betreuung der vom Krieg betroffenen ukrainischen Kinder bei weitem nicht flächendeckend gewährleistet werden kann, haben sich zahlreiche NGOs und deren ehrenamtliche Mitarbeiter aus der ganzen Welt diesem Ziel geweiht. Ihnen ist nicht nur die Einrichtung von etlichen Hope- and Healing Centers in Kyiv zu verdanken – sie ermöglichen auch zahlreiche Sommercamps, die regelmäßig in Polen veranstaltet werden und den vom Krieg gezeichneten Kindern ein Stückweit Normalität schenken. Als wirkungsvoll für die therapeutische Arbeit hat sich dort insbesondere der Kontakt mit Tieren erwiesen. In der Beziehung zu ihnen können Kinder Vertrauen aufbauen, Verantwortung übernehmen und Empathie lernen.
Viele dieser Sommerkinderlager für kriegstraumatisierte Kinder finden in Polen statt, und bei der Geschichte um die Wiener Therapeutin Milena habe ich mich erschienen, mein fiktives Camp im Karpatenvoland nahe von Przemyśl anzusiedeln – jener Kleinstadt im Grenzgebiet, die seit Beginn des Krieges ein wichtiger Knotenpunkt für Flüchtlinge wurde.
Auf der Fahrt dorthin habe ich überdiesen einen Zwischenstopp in Łódż eingelegt, war jene Stadt doch eine zentrale Schaltstelle der sogenannten „Germanisierungsaktion“, wo ein Mahnmal für geraubte Kinder an deren Schicksal erinnert.
Die Verknüpfung der aktuellen Ereignisse mit der Vergangenheit, soll vor allem ein Plädoyer sein, Kinder in Kriegen unter besonderen Schutz zu stellen, ihre Rechte zu wahren und Verbrechen gegen sie als besonders grausam und menschenverachtend zu verdammen. Dass das leider keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die Tatsache, dass der Kinderraub der Nazis in der Forschung weitgehend vernachlässigt wurde, im Bewusstsein der Bevölkerung kaum verankert ist und bis heute nicht als Kriegsverbrechen, sondern als „Kollateralschaden“ gilt.
Bei kaum einem anderen Thema wird deutlicher, wie wichtig es ist, aus der Geschichte zu lernen und es besser zu machen – was in diesem Fall heißt, die betroffenen ukrainischen Kinder weit über ein mögliches Kriegsende hinaus nicht aus den Augen zu verlieren.